Der Getreidesilo an der Poternenmauer

Kurzbericht über die Arbeiten in einem Getreidesilokomplex in der Unterstadt (1999-2000)

 

Zurück zu Aktuelles

Hinter der Poternenmauer in der Unterstadt, auf halbem Weg zwischen Kizlar Kaya und Büyükkale, liegt ein großer Baukomplex der althethitischen Zeit. Erste Untersuchungen fanden hier bereits in den sechziger Jahren statt (W.Schirmer, Bogazköy- Hattua VI [1969] 37 f.), aber erst anläßlich einer Nachgrabung in den Jahren 1998-1999 (J. Seeher, Archäologischer Anzeiger 1999, 332 ff.) konnten das Baudatum und die Funktion der Anlage geklärt werden: Sie diente zur Dauerlagerung von großen Getreidevorräten (allgemein zu diesem Thema: J. Seeher, Getreidelagerung in unterirdischen Großspeichern: Zur Methode und ihrer Anwendung im 2. Jahrtausend v. Chr. am Beispiel der Befunde in Hattuscha, in: Studi Micenei ed Egeo-Anatolici XLII/2 [2000] 261-301).

 

Plan des Getreidekomplexes

 

 

Es handelt sich bei diesem Silokomplex um ein Bauwerk, das gleichzeitig mit der Poternenmauer spätestens im 16. Jh. v. Chr. errichtet worden ist. Es sitzt in einer Senke zwischen der Poternenmauer und einem rund 50 m nordöstlich und parallel zu ihr verlaufenden Rücken. Der Baukomplex hat eine Länge von rund 118 m, und die Breite schwankt geländeabhängig zwischen 30 und 40 m. Entlang einer NW-SO gerichteten Mittelachse sind in zwei Reihen nebeneinander je 16 Kammern angelegt worden. Sie sind jeweils 6 m breit und 13-16 m lang und mit einem Bodenpflaster aus Bruchsteinen ausgestattet. (Abb.: Plan des Getreidesilokomplexes) Die 1,5 m mächtigen Lehmmauern stehen auf Bruchsteinsockeln. Diese können bis zu 2m Höhe erreichen, da die Kammern treppenförmig den Hang hinauf angelegt sind. Der Höhenunterschied von einem Ende des Komplexes zum anderen liegt bei etwa 15 m. Mächtige Lehmpackungen und Abdichtungen aus Ton an den Außenwänden zeigen, daß die Silokammern zum großen Teil unterirdisch lagen.  

Freilegung der Brandruinen

 

 

 

Zwölf Silokammern sind durch Feuer vernichtet worden. (Abb.: Freilegung der Brandruinen) Die Lehmwände sind vielfach vollständig durchgebrannt und rot verziegelt, da viel organisches Material darin enthalten gewesen ist; teilweise sind in Abständen von 35-40 cm die Negative von horizontalen Lagen aus Holzbrettern bzw. Spaltbohlen und Zweigen oder Schilfruten zu erkennen. Die oberen Teile der Lehmquermauern sind beim Brand jeweils in die untere Kammer abgestürzt. An einer Stelle konnte eine minimale Mauerhöhe oberhalb der Bodenpflaster von etwa 3,8 m (hangseitig) bzw. 4,5 m (talseitig) rekonstruiert werden.  

In den Kammern sind große Mengen von Getreide in verkohltem Zustand erhalten geblieben - in den Sondagen wurden Getreidepakete von 0,8-1,2 m Mächtigkeit durchschnitten. (Abb.: Verkohltes Getreide in einer Silokammer) Daß das Getreide nicht vollständig zu Asche verbrannt ist, liegt an der mangelhaften Sauerstoffzufuhr, die durch das Prinzip der Lagerung bedingt ist: Man hat das Getreide unter Luftabschluß eingelagert, weil es auf diese Weise über viele Jahre und gar Jahrzehnte haltbar ist. Zu diesem Zweck hat man direkt auf das Getreide eine dicke Strohschicht als Isolierung und darauf eine 1-1,5 m dicke Abdeckung aus lehmhaltiger Erde aufgebracht. Diese Abdeckung hat auch beim Brand, der sich über die Holzeinbauten in den Wänden von einer Kammer zur nächsten fortsetzen konnte, ihre Wirkung getan. Das Getreide verbrannte vielfach nicht, sondern verkohlte wie in einem Holzkohlemeiler bei niedrigen Temperaturen. Dieser Prozeß muß mehrere Tage gedauert haben, und das gab wohl den Menschen auch die Möglichkeit, ein Übergreifen des Feuers auf den gesamten Komplex zu verhindern.  

Verkohltes Getreide in einer Silokammer

Nach der vorläufigen botanischen Untersuchung durch Dr. Reinder Neef ist hauptsächlich Gerste eingelagert worden. In einer Silokammer lag Einkorn. Häufig und für die botanische Auswertung von besonderem Interesse sind Samen von anderen Nutzpflanzen und Ackerunkräutern, die mit der Getreideernte zusammen in die Silos gelangt sind. Wie die Sondagen und Kernbohrungen gezeigt haben, liegen hier viele hundert Tonnen verkohltes Getreide begraben; dies ist wohl der größte Fund dieser Art im Alten Orient. Aber auch die Dimension des Silokomplexes - länger als ein Fußballfeld und mehr als halb so breit - ist mehr als ungewöhnlich. Abhängig von der Füllhöhe in den Kammern konnten hier 7.000-9.000 m³ Getreide dauerhaft eingelagert werden. Diese Menge entspricht dem jährlichen Bedarf von 20.000-30.000 Menschen, und es erscheint klar, daß dies nicht nur der Vorrat für die Stadt Hattuscha war - hier lagerte ein Teil des Staatsschatzes und der Machtbasis des hethitischen Großkönigs.  

Gewisse Anzeichen sprechen dafür, daß der vom Feuer verschonte Teil des Silokomplexes noch eine Zeit lang weiter benutzt worden ist, bevor seine Rolle dann vollständig von den großen Erdsilos auf Büyükkaya (s. Forschungsbericht Büyükkaya ) übernommen worden ist. 

Publikation

Bogazköy-Berichte 8: Jürgen Seeher (Hrsg.), Ergebnisse der Grabungen an den Ostteichen und am mittleren Büyükkale-Nordwesthang in den Jahren 1996-2000, mit Beiträgen von Ayse Baykal-Seeher, Hermann Genz, Suzanne Herbordt und Jürgen Seeher (Mainz 2006)