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Die Hethiter, ihre Vorläufer und ihre Nachfolger

Ein kurzer Abriß der Geschichte von Hattuscha/Boğazköy im Lauf der Jahrtausende


I. Die Landschaft

II. Vor den Hethitern: Anatolische Ureinwohner (6. - 3. Jahrtausend v. Chr.)

III. Hattusch und die assyrische Handelskolonie (ca. 2000-1700 v. Chr.)

IV. Die Zeit des hethitischen Alten und Mittleren Reichs (ca. 1650/1600-1400/1350 v. Chr.)

V. Die Zeit des hethitischen Großreichs (ca. 1400/1350-1180 v. Chr.)

VI. Das Ende der Hauptstadt Hattuscha (um 1200/1180 v. Chr.)

VII. Eisenzeit - Das "Dunkle Zeitalter" und die Zeit der Phryger und Perser
(ca. 1180-334 v. Chr.)

VIII. Hellenistisch/galatische und römisch/byzantinische Zeit (ca. 334 v. Chr.-1071)

IX. Die türkische Ansiedlung Boğazköy

 

I. Die Landschaft

Hattuscha/Boğazköy liegt im Norden von Zentralanatolien, am Nordrand der antiken Landschaft Kappadokien. Hier herrscht ein trockenes kontinentales Klima, und die Vegetation ist heute steppenartig karg und weitgehend baumlos. Die Winter sind lang und kalt, und die Sommer relativ kurz und heiß. Das war jedoch nicht immer so. Früher herrschte ein feuchteres Klima, durch das die Extreme von Hitze und Kälte geringer ausfielen. Neben den zentralen Steppengebieten im Bereich von Kappadokien (südlich von Yozgat beginnend) gab es vor allem im Norden ausgedehnte Bereiche mit einer dichten Vegetationsdecke und Wäldern. Dadurch wurde die Erosion verhindert, und die Erde konnte mehr Wasser speichern, was wiederum der Vegetation zugute kam. Die Bedingungen für Ackerbau und Viehzucht waren günstiger als heute, und die Wälder boten Lebensraum für zahlreiche Wildtiere.

II. Vor den Hethitern: Anatolische Ureinwohner
     (6. - 3. Jahrtausend v. Chr.)

Nur ganz selten findet man in Nordanatolien Spuren aus der Alt- und Mittelsteinzeit, als der Mensch noch als Jäger und Sammler umherzog. Aber auch aus der Jungsteinzeit, als der Mensch bereits zum weitgehend seßhaften Ackerbauer und Viehzüchter geworden war, ist bislang aus diesem Landesteil kaum etwas bekannt: Offensichtlich entsprach das bergige Waldland nicht den Ansprüchen der frühen bäuerlichen Gemeinschaften. Für sie waren offene Landschaften mit großen Weideflächen und mit günstigerem Klima attraktiver, und so entstanden die ersten komplexen Bauernsiedlungen weiter südlich: Çatal Hüyük bei Çumra in der Konya-Ebene ist das bekannteste Beispiel.

Die erste "Landnahme" in der Umgebung von Hattuscha/Boğazköy fand erst im Chalkolithikum im 6. Jahrtausend v. Chr. statt. Es waren durchweg kleine Ansiedlungen, die weit verstreut und bevorzugt an Berghängen oder auf Bergkuppen lagen. Ein solcher Weiler befand sich einst auch auf der Spitze des Bergrückens von Büyükkaya. Dies ist die erste Spur menschlicher Besiedlung im Stadtgebiet von Hattuscha. Eine weitere Siedlung aus dieser Zeit lag bei Yarikkaya, 2 km nordöstlich von Hattuscha.

In den folgenden Jahrtausenden nahm die Siedlungsintensität in der Waldlandschaft des nördlichen Zentralanatolien nur sehr langsam zu. Erst in der Frühen Bronzezeit im dritten Jahrtausend v. Chr. entwickelten sich größere Siedlungszonen, die untereinander in regem Austausch standen und die Basis bildeten für eine Veränderung der Gesellschaft: Aus kleinen Ansiedlungen entstanden politische und religiöse Zentren, die Macht über größere Bereiche ausübten. Man vermutet, daß unter anderem die Erschließung der Erzvorkommen Nordanatoliens diese Entwicklung begünstigt hat. Ein solches Zentrum liegt nur 25 km von Hattuscha/Boğazköy entfernt in Alaca Höyük, wo verblüffend reich ausgestattete Fürstengräber aus der Zeit um 2400-2200 v. Chr. freigelegt worden sind. Kunstvoll gearbeitete Waffen, Schmuck, Skulpturen, Geräte und Gefäße aus Gold, Silber, Elektron, Bronze und sogar Eisen gehörten zu den Beigaben in den kammerförmigen Gräbern. Die Herren von Alaca Höyük waren Hattier, Ureinwohner und Vorgänger der Hethiter in Nord- und Zentralanatolien.

Im Stadtgebiet von Hattuscha/Boğazköy entstand nur kurze Zeit später ebenfalls eine hattische Ansiedlung, und damit begann nun in der späten Frühbronzezeit eine dauerhafte Besiedlung des Ortes. Reste dieser hattischen Siedlung sind unter den Schuttschichten der hethitischen Unterstadt festgestellt worden. Auch die Höhenrücken von Büyükkaya und Büyükkale wurden als Siedlungsfläche genutzt, und hier gibt es sogar Hinweise auf Befestigungsmauern.

III. Hattusch und die assyrische Handelskolonie
      (ca. 2000-1700 v. Chr.)

Diese hattische Siedlung entwickelte sich im Verlauf der nun folgenden Mittleren Bronzezeit zu einem wichtigen Zentrum - so wichtig, daß hier im 19./18. Jh. v. Chr. ein Karum, eine Handelsstation assyrischer Kaufleute eingerichtet wurde: Händler von Assur (am mittleren Tigris im nördlichen Irak gelegen) kamen nach Anatolien, um hier vor allem Rohstoffe wie Kupfer, Silber, Gold und wertvolle Steine zu kaufen. Mit langen Eselskarawanen wurden die Güter nach Mesopotamien geschafft, und von dort kamen im Gegenzug unter anderem Zinn, Stoffe und Kleider. Außerdem beteiligten sich die assyrischen Kaufleute am inneranatolischen Handel. Der östliche Teil Anatoliens war mit einem Routennetz überzogen, dessen Knotenpunkte die Handelsstationen bildeten. Sie lagen in Zentralanatolien jeweils bei den Hauptorten hattischer Fürstentümer, wo die assyrischen Händler mit ihren Familien in separaten Vierteln lebten. Sie genossen den Schutz der hattischen Herren und waren steuerpflichtig. Die Zentrale des Handelsnetzes lag in Kanesch/Nescha (Kültepe bei Kayseri).

Mit den assyrischen Händlern kam erstmals die Schrift nach Anatolien, denn die Transaktionen waren ohne entsprechende Dokumentation nicht zu bewerkstelligen: Kauf und Verkauf, Termingeschäfte, Kredite und Tauschaktionen wurden auf Tontafeln mit akkadischer Keilschrift festgehalten. Und auf den Tafeln ist auch der Name des Ortes überliefert: Er hieß damals noch - oder schon - Hattusch.

Im Verlauf dieser Epoche, die auch als Karum-Zeit bezeichnet wird, hat man auf der Höhe von Büyükkale eine Befestigung angelegt. Es scheint sicher, daß dort die Herren von Hattusch saßen. Die hattische Siedlung erstreckte sich auf dem Hang unterhalb davon bis hinunter in den Bereich, wo die Hethiter später den Großen Tempel errichteten. Das Karum, das Viertel der assyrischen Händler, lag nördlich davon. Auch die Siedlung und das Karum müssen mit einer Befestigung gegen feindliche Angriffe geschützt gewesen sein.

In diesen ersten Jahrhunderten des 2. Jahrtausends v. Chr. gab es in Zentralanatolien häufig Konflikte zwischen den einheimischen hattischen Fürsten und den zugewanderten hethitischen Gruppen, die ihre Macht auszudehnen versuchten. Die ausgegrabenen Ruinen zeigen, daß die Stadt Hattusch um ca. 1700 v. Chr. in einem großen Brand zugrunde gegangen ist. Für die Zerstörung des Orts gibt es sogar eine Überlieferung in einem Keilschrifttext, in dem ein König Anitta von Kuschar davon berichtet, daß er den König Pijuschti von Hattusch geschlagen und seine Stadt zerstört hat: "In der Nacht nahm ich die Stadt mit Gewalt, an ihrer Stelle aber säte ich Unkraut. Wer nach mir König wird und Hattusch wieder besiedelt, den soll der Wettergott des Himmels treffen". Als Zentrum seiner Macht wählte Anitta die 160 km südöstlich gelegene Stadt Kanesch/Nescha, die ja als Hauptort der assyrischen Handelskolonien bereits Macht und Ansehen besaß.

Wir wissen nicht, wie lange Anitta's Fluch über Hattusch seine Wirkung getan hat, aber es ist anzunehmen, daß die Vorteile der Lage und auch die Wasserquellen bald erneut Siedler angezogen haben. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts v. Chr. war der Platz jedenfalls schon wieder so attraktiv, daß ein hethitischer König ihn zu seiner Residenz- und Hauptstadt wählte - aus dem hattischen Hattusch wurde das hethitische Hattuscha.

IV. Die Zeit des hethitischen Alten und Mittleren Reichs
      (ca. 1650/1600-1400/1350 v. Chr.)

Über den Ursprung der Hethiter ist leider noch recht wenig bekannt. Ihre Sprache zählt zur indo-europäischen Sprachfamilie und man vermutet, daß sie über den Kaukasus nach Zentralanatolien eingewandert sind. Als Zeitraum der Einwanderung wird die zweite Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. genannt. Eine Präzisierung des Termins fällt schwer, da weder eine gewaltsame Invasion noch eine Völkerverschiebung im großen Stil stattfand. Anscheinend kamen hethitische Gruppen nach und nach nach Anatolien und vermischten sich teilweise mit der einheimisch hattischen Bevölkerung. Etwa gleichzeitig kamen auch andere indo-europäische Einwanderer: Die Luwier ließen sich im Süden und Westen und die Palaier im Norden und Nordwesten Anatoliens nieder.

Die Hethiter übernahmen von den Hattiern die Bezeichnung Hatti für das Land. Ihre Sprache nannten sie dagegen Nesisch, nach der bereits erwähnten Stadt Kanisch/Nescha. Der erste hethitische Großkönig, der in Hattuscha/Boğazköy seine Residenz nahm, stammte wie Anitta ursprünglich aus Kuschar, einer Stadt, die noch nicht wiederentdeckt worden ist. Er nahm aber den Namen Hattuschili, "der von Hattuscha", an. Unter seiner Herrschaft kam es zu einer erneuten Einführung der mesopotamischen Keilschrift, die mit dem Zusammenbruch des assyrischen Handelsnetzes aus Anatolien wieder verschwunden war. Daraus entwickelte sich eine anatolische Schreibtradition, die zur Überlieferung einer Unmenge von Daten auf beschrifteten Tontafeln geführt hat: Hethitische Staatskorrespondenz und -verträge sind ebenso erhalten geblieben wie Gesetzessammlungen, Kultvorschriften, Orakel und altorientalische Literatur. Die seit 1906 ausgegrabenen Archive von Hattuscha mit rund 30.000 Tontafelfragmenten bilden den Hauptfundus, aber auch an anderen Plätzen in Zentralanatolien - Tabigga/Maşat Höyük (Provinz Tokat), Schapinuwa/Ortaköy (Provinz Çorum) und Sarissa/Kuşaklı (Provinz Sivas) - sind inzwischen Tontafelsammlungen gefunden worden.

Großkönig Hattuschili I. betrieb den Ausbau des Reiches durch gezielte Eroberungen in Inneranatolien und eine Expansion nach Süden über das Taurusgebirge hinweg nach Nordsyrien. Sein Nachfolger Murschili setzte die Eroberungen im Süden fort, deren Ziel die Ausschaltung der Syrischen Stadtstaaten und die Kontrolle über die Handelsrouten nach Mesopotamien war. Aleppo wurde erobert, und das Heer zog sogar bis nach Babylon (1200 km Luftlinie von Hattuscha !) und verursachte dort das Ende der Dynastie von Hammurabi. Bald darauf wurde Murschili ermordet, und es folgte eine Zeit der Unruhe. Das Reich verlor schnell wieder die Länder südlich des Taurus sowie andere Gebiete in Süd- und Ostanatolien an das hurritische Reich von Mittanni.

Es würde zu weit führen, hier das Auf und Ab der hethitischen Macht in Anatolien in den folgenden Jahrzehnten darzustellen. Die Heere waren in vielen Landesteilen aktiv und zogen auch wieder bis nach Aleppo in Nordsyrien. Oft wurden aber die eroberten Städte und Länder, die zu tributpflichtigen Vasallen gemacht wurden, schon nach kurzer Zeit wieder untreu. Zu einer direkten Bedrohung für die Hauptstadt Hattuscha wurden die Angriffe von Stämmen der Kaschkäer, die in den Bergen im Norden Zentralanatoliens lebten und häufiger Raubzüge in hethitisches Gebiet unternahmen: In einem Keilschrifttext aus der Zeit von Großkönig Tudhaliya III. um 1400 v. Chr. heißt es "Und Hattuscha, die Stadt, wurde niedergebrannt, und nur ... und das Heschti-Haus von ... blieben übrig". Der direkte hethitische Machtbereich war am Ende dieser Zeit wieder auf die zentralanatolischen Gebiete geschrumpft, und der Staat befand sich in einer tiefen Krise.

Die althethitische Stadt nahm denselben Raum wie ihre hattische Vorgängerin ein - auf dem Höhenrücken von Büyükkale lag der Sitz des Großkönigs, und auf dem Hang nordwestlich davon bis hinunter ins Tal erstreckte sich die Wohnstadt, geschützt hinter einer massiven Befestigungsmauer auf der Westseite. Es spricht vieles dafür, daß außerdem das Gebiet der Nordstadt und auch der Felsrücken von Büyükkaya sehr bald mit einer Befestigung versehen und dem Stadtgebiet einverleibt worden sind. Damit hatte die befestigte Stadt eine Ausdehnung von etwa 0,9 x 1,2 km. Dazu mag es weitere Siedlungszonen im direkten Vorland der Stadt gegeben haben.

V. Die Zeit des hethitischen Großreichs
     (ca. 1400/1350-1180 v. Chr.)

Mit Großkönig Schupiluliuma I. kam ein Herrscher an die Macht, der das arg geschwächte und geschrumpfte Reich zu neuer Größe führte. Es gelang nun endlich, die Macht des Reiches von Mitanni, dem mächtigen Gegenspieler im Bereich von Euphrat und Tigris (heute Südosttürkei, Nordsyrien und Nordirak), zu brechen. Nun grenzte hethitisches Gebiet in Syrien direkt an die nördlichste Provinz des ägyptischen Pharaonenreiches, und so kam es auch zwischen diesen beiden Mächten bald zu Kämpfen. Berühmt wurde die Schlacht bei Kadesh am Orontes (nahe Homs in Syrien), in der sich um ca.1274 v. Chr. die Heere des Großkönigs Muwattalli II. und des Pharao Ramses II. begegneten. Die Schlacht endete unentschieden, und zwischen den Ländern entwickelten sich Beziehungen, die einige Jahre später zu einem Friedensvertrag führten, der bis zum Ende des hethitischen Reiches gehalten hat (Im Gebäude der UNO in New York hängt eine vergrößerte Kopie einer Tontafel aus Hattuscha mit diesem Vertragstext als Beispiel für einen der ältesten internationalen Friedensverträge der Welt).

Unter Muwattalli verlor Hattuscha für kurze Zeit die Rolle der Hauptstadt. Er verlegte seine Residenz nach Tarhuntascha, einer Stadt im Südwesten, die noch nicht wiederentdeckt worden ist. Aber schon sein Nachfolger Murschili III. kehrte nach Hattuscha zurück, wurde jedoch bald von seinem Onkel Hattuschili III. abgesetzt. Unter diesem Großkönig und seinem Sohn Tudhaliya IV. erlebte die Stadt offensichtlich noch einmal eine Blüte. Viele der Baureste, die man heute hier sieht, stammen aus dieser Zeit. Anscheinend wurde auch viel Energie in den Ausbau der Oberstadt gesteckt, jenes Bereiches südlich der Altstadt, der aber deutlich früher in das Stadtgebiet einbezogen worden war. In diesem Bereich entstanden zahlreiche Großbauten, darunter viele Tempel, und daneben wurde auf der Königsburg ein kompletter Umbau vorgenommen. Hier wurde ein großer Palastkomplex mit kolonadengesäumten Höfen, Wohn- und Magazinbauten und einer großen Audienzhalle errichtet. Die endgültige Ausgestaltung des Felsheiligtums von Yazılıkaya wird Tudhaliya IV. zugeschrieben. Hattuscha war nicht nur politische Hauptstadt, sondern auch das Kultzentrum des Landes - die Residenz der "Tausend Götter des Hatti-Landes".

Aber der Niedergang war nicht mehr fern: Leider haben die Hethiter kaum Texte zur Geschichte ihres Landes - abgesehen von der Geschichte der Herrscher - hinterlassen, aber aus dem Mosaik der Informationen läßt sich erkennen, daß Thronfolgestreitigkeiten, Mißernten und feindliche Angriffe den Staat schwächten. In Hattuscha wurden gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. Maßnahmen ergriffen, die eine Zunahme der Bedrohung von Außen erkennen lassen: Zusätzliche Befestigungen und Vormauern wurden errichtet, und die Getreidevorräte der Stadt wurden in einer separaten Zitadelle auf Büyükkaya verbarrikadiert. Zahlreiche Tempel in der Oberstadt verfielen bereits, und zwischen den Ruinen entstand eine Ansiedlung von Menschen, die sich in den Schutz der Stadtmauern zurückgezogen zu haben scheinen.

Damit ging die Großreichszeit zu Ende, und mit ihr endete die Epoche der Bronzezeit in Zentralanatolien. Es war eine Zeit der Unruhe im gesamten Ostmittelmeerraum, bei der besonders die küstennahen Länder unter dem Ansturm von Piraten, den sogenannten Seevölkern, zu leiden hatten. Überall fanden Bevölkerungsverschiebungen statt, und in Zentralanatolien ergab sich kein Ersatz für die Reichsstruktur der Hethiter - das Land kehrte in einen Zustand bäuerlicher, teilweise nomadischer Lebensweise zurück.

VI. Das Ende der Hauptstadt Hattuscha
      (um 1200/1180 v. Chr.)

Mit dem Niedergang des Großreichs verlor die Hauptstadt ihre Macht und damit auch ihre Rolle als politisches, wirtschaftliches und religiöses Zentrum. Offensichtlich wurde die Stadt nach und nach aufgegeben, und der letzte bekannte Großkönig Schupiluliuma II., Sohn von Tudhaliya IV., hat sicher nicht bis zum Ende in Hattuscha ausgeharrt. Vielleicht kam es erneut zu einer Verlegung der Residenz, und damit war das Schicksal der Stadt besiegelt.

Verschiedene Bauanlagen der späten Großreichszeit, darunter die königlichen Palastbauten, einige Tempel und Teile der Stadtbefestigung, zeigen Spuren von verheerenden Bränden. Sie sind sicher zum Teil auf feindliche Aktionen zurückzuführen, aber die Angreifer fanden eine weitgehend evakuierte Stadt vor, denn die Brandruinen sind fast völlig fundleer: Die Einwohner von Hattuscha hatten offensichtlich genug Zeit, ihr gesamtes Hab und Gut und auch die sicher nicht geringen Inventare der Tempel mitzunehmen. Zurück blieben nur Dinge, die wertlos oder nicht transportabel waren: Zur ersten Kategorie gehören die "Akten", d.h. die Keilschrifttafelarchive, für die kein Bedarf mehr bestand in dem sich auflösenden Staat; und zur zweiten Kategorie gehören z.B. die riesigen Vorratsgefäße, die in den Magazinen des Großen Tempels standen.

Bei der Frage, wer denn für das endgültige Aus der hethitischen Stadt verantwortlich gewesen ist, war man bis vor kurzem noch völlig auf Spekulationen angewiesen. Es fehlten nämlich jegliche Spuren von Eroberern, die die Stadt übernahmen und sich hier niederließen. Man vermutete daher, daß Kaschkäer, die unruhigen nördlichen Nachbarn der Hethiter, der sterbenden Stadt den Todesstoß gegeben haben. Erst 1996 wurde auf dem Bergrücken von Büyükkaya eine kleine Ansiedlung von Menschen, die sich hier nach dem Ende der Hauptstadt niederließen und die keine Hethiter waren, entdeckt. Mit ihnen beginnt die Geschichte der Eisenzeit am Ort.

VII. Eisenzeit - Das "Dunkle Zeitalter" und die Zeit der Phryger und Perser
       (ca. 1180-334 v. Chr.)

Der erste Abschnitt der Eisenzeit in Zentralanatolien wurde früher gern als "Dunkles Zeitalter" bezeichnet, da für etwa 300 Jahre nach dem Ende des hethitischen Reiches praktisch keine Besiedlung mehr nachzuweisen war. Inzwischen sind verschiedene Plätze aus diesem Zeitraum bekannt geworden, und dazu gehört auch die Siedlung von Büyükkaya im Nordosten des Stadtgebiets von Hattuscha/Boğazköy. Hier lebten Menschen, die vieles von dem vermissen lassen, was bei den Hethitern Allgemeingut gewesen war: So formten sie z.B. ihre Keramikgefäße weitgehend ohne die Hilfe der Töpferscheibe, die bei den Hethitern schon seit Jahrhunderten als Mittel zur Massenproduktion gedient hatte. Ihre primitiven Behausungen hatten mit der Architektur der Hethiter nichts gemein, und auch die Schrift war ihnen unbekannt. Ihre materielle Kultur läßt sich auf Vorläufer aus der Frühen und Mittleren Bronzezeit zurückführen - offensichtlich sind einheimische (nord-) anatolische Stämme nach dem Niedergang des Großreichs in das ehemalige hethitische Kerngebiet eingedrungen und haben das Land in Besitz genommen. Dabei kann es sich durchaus um die erwähnten Kaschkäer gehandelt haben. Nach Hattuscha kamen sie jedoch nicht als Eroberer, sondern eher als Besetzer einer Stadtruine, in der sicher noch viel Brauchbares zu finden war.

Die Besiedlung des "Dunklen Zeitalters", der Frühen Eisenzeit in Hattuscha, blieb nicht auf Büyükkaya beschränkt; Spuren fanden sich auch beim Haus am Hang in der Unterstadt, auf dem Plateau von Büyükkale und im Bereich von Tempel 7. Auf Büyükkaya entwickelte sich dann mit dem Beginn der Mittleren Eisenzeit im 9. Jahrhundert v. Chr. eine größere Ansiedlung, die den ganzen Berg einnahm. Im 8. Jahrhundert v. Chr. wurden zusätzlich Teile der Unterstadt und der Burgberg von Büyükkale besiedelt. Im frühen bis mittleren 7. Jahrhundert v. Chr. wurde auf Büyükkale eine Befestigungsanlage errichtet, und gleichzeitig wurden die Wohnbereiche in der Unterstadt stark reduziert. Auch Büyükkaya wurde verlassen. Möglicherweise ist dies eine Reaktion auf die Einfälle der Kimmerier aus den eurasischen Steppengebieten, die um 700/680 v. Chr. in Zentralanatolien einbrachen und das phrygische Reich des Königs Midas zu Fall brachten. Neben der Befestigung auf Büyükkale, die eine sehr dichte Bebauung zeigt, entstand auch die Südburg in der östlichen Oberstadt und eine Wohnbebauung im Bereich von Nisantas und oberhalb der Ostteiche.

Diese mittel- und späteisenzeitliche Ansiedlung wird traditionell als "phrygisch" bezeichnet, weil es zahlreiche Übereinstimmungen gibt mit Fundorten im phrygischen Kerngebiet im westlichen Zentralanatolien. Das betrifft die Architektur ebenso wie die materielle Kultur, und auch der Kult der phrygische Muttergöttin Kybele war hier vertreten. Eine sehr schöne Kybele-Skulptur wurde auf Büyükkale am Südosttor der Schicht Ia gefunden. Keramikscherben mit eingeritzten phrygischen Schriftzeichen sind ein weiterer Beleg für die Verbindung nach Westen, und auch einige Importstücke aus dem ostgriechischen Raum kamen ans Tageslicht. Offensichtlich hat der zentralantolische und nordkappadokische Raum im Verlauf der Eisenzeit eine enge Beziehung zum westlichen Zentralanatolien entwickelt. Eine Einwanderung von größeren phrygischen Gruppen ist jedoch nicht wahrscheinlich. Leider ist der Name der eisenzeitlichen Siedlung nicht bekannt - es war jedenfalls sicher nicht Pteria, denn das ist inzwischen in Kerkenes Dagi, 40 km südöstlich von Hattuscha/Boğazköy, lokalisiert worden.

Im Jahr 585 v. Chr. fiel das zentralanatolische Gebiet östlich des Kızılırmak-Flusses (des antiken Halys) in die Hände der persischen Meder, und später gehörte es dem ebenfalls persischen Achämenidenreich an. Auf die Entwicklung der Siedlung in Hattuscha/Boğazköy hat die "Perserzeit" anscheinend wenig Einfluß gehabt - man lebte in den gewohnten Traditionen weiter. Im 5. Jahrhundert v. Chr. verlor der Ort dann an Bedeutung, wurde aber wohl nicht ganz aufgegeben.

VIII. Hellenistisch/galatische und römisch/byzantinische Zeit
        (ca. 334 v. Chr.-1071)

Der Zug Alexanders des Großen nach Asien markiert den Beginn der hellenistischen Zeit in Kleinasien. Auf Zentralanatolien hatte dies zunächst wenig Einfluß, aber in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. ließen sich hier die aus Mitteleuropa eingewanderten keltischen Galater nieder. Der Ort Tavium bei Büyük Nefesköy, etwa 20 km südlich von Boğazköy, wurde zum Hauptort des Stamms der Trokmer, und sie nahmen auch das Gelände von Hattuscha/Boğazköy in Besitz. Auf dem Plateau von Büyükkale wurde erneut eine Befestigung gebaut, und im Bereich der Unterstadt lag eine dörfliche Ansiedlung. Typische bemalte galatische Keramik wurde hier ebenso gefunden wie Importgefäße aus dem Bereich der hellenistischen Zentren an der Westküste.

Im Jahr 25 v. Chr. geriet das Gebiet der Trokmer unter römische Herrschaft. Im 1. Jahrhundert n. Chr. bauten die Römer eine befestigte Straße von Tavium nach Norden (möglicherweise nach Amasya). Diese Straße verlief hinter dem Bergrücken im Westen von Hattuscha/Boğazköy und führte dann bei dem Dorf Evren/Yekbaz durch die Ebene des Budaközü-Baches. Aus diesem und den folgenden Jahrhunderten gibt es im Bereich der Stadt an verschiedenen Stellen Bauruinen, Gräber und Spuren von Steinbruchtätigkeit.

Frühbyzantinische Reste sind wenig bekannt, aber in mittelbyzantinischer Zeit im 10.-11. Jahrhundert lag im Bereich der Oberstadt, im Nordteil des hethitischen Tempelviertels, eine Dorfsiedlung (mehrere kleine Kirchen und ein großer Friedhof sowie verschiedene Gehöfte sind ausgegraben und teilweise restauriert worden). Die hethitische Felsanlage von Sarikale ist in dieser Zeit umgebaut und mit einer Befestigungsmauer versehen worden und diente wohl als Sitz des Lokalherren. Aber auch in der Unterstadt sind byzantinische Reste vorhanden. Am auffälligsten ist hier die Apsis einer Kirche, die in den Felsen von Mihraplıkaya (= Fels mit der Gebetsnische, Nr. 36 auf dem Gesamtplan) eingemeißelt worden ist.

Die genaue Datierung der byzantinischen Besiedlung wird durch Münzfunde ermöglicht. Die jüngsten Münzen stammen aus dem späten 11. Jahrhundert und ergeben ein Datum für die Aufgabe der Siedlung. Es entspricht dem Datum der Schlacht von Malazgirt am Van-See im Jahr 1071, bei der die Byzantiner unter Kaiser Romanos IV. die Macht über weite Teile Anatoliens an den turkmenischen Sultan Alp Arslan verloren.

IX. Die türkische Ansiedlung Boğazköy

In den folgenden Jahrhunderten scheint das Gebiet weitgehend unbesiedelt geblieben zu sein. Im 16. Jahrhundert wurde eine Gruppe des Turkmenenclans der Dulkadiroğlu von Maraş in dieses Gebiet umgesiedelt. Man ließ sich zunächst in Yekbaz 3 km nördlich von Hattuscha/Boğazköy nieder, aber Ende des 17. Jahrhunderts zog man um und errichtete einen Konak (Herrenhaus) und eine Siedlung am Fuß der ehemaligen hethitischen Hauptstadt. Der Ort hieß früher Boğazköy (=Schluchtdorf), wurde aber später in Boğazkale (=Schluchtburg) umbenannt und ist heute Zentrum eines Landkreises in der Provinz Çorum