Forschungsbericht Grabungsprojekt Çamlıbel Tarlası

Ergebnisse der Grabungskampagnen 2007-2008

 

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Seit 2007 untersucht U.-D. Schoop (Universität Edinburgh) im Rahmen des Bogazköy-Projekts die vorbronzezeitliche Siedlung Çamlibel Tarlasi, die etwa 2 km westlich der hethitischen Stadt liegt. Er berichtet:

Über die vorgeschichtlichen Epochen des Gebietes, das später zum Zentrum des hethitischen Reiches werden sollte, wissen wir bisher noch sehr wenig. Einiges deutet auf eine Kulturentwicklung hin, die sich von jener der umgebenden Gebiete stark unterscheidet. Eine wichtige Rolle muss dabei das Vegetationskleid gespielt haben, denn die Region war damals stark bewaldet. Die großen offenen Flächen, die andernorts typisch sind, gibt es hier nicht. Noch fehlen uns aber weitgehend Informationen zur Chronologie, zur Wirtschaftsweise und zur antiken Umwelt. Aus diesem Grund wurde 2007 als Teilprojekt der Bogazköy-Expedition des DAI ein neues Ausgrabungsprojekt begonnen, das die nähere Untersuchung eines vorbronzezeitlichen Fundortes zum Ziel hat. Was bewog die Menschen dazu, in dieses Waldgebiet einzudringen? Wie überlebten sie in dieser vergleichsweise schwierigen Umgebung?

 

Grabungsgebiet (rechts unten im Bild). Oben Mitte Hattusa.

 

 

 

 

Der Fundplatz Çamlibel Tarlasi, etwa zwei Kilometer westlich von Bogazköy gelegen, wurde ausgewählt, weil er sehr typisch für diese Zeit und gleichzeitig der besterhaltene prähistorische Fundplatz in der Umgebung der Hethiterhauptstadt zu sein scheint. Es handelt sich um einen Weiler, der auf einem kleinen Plateau in einem Seitental der Budaközü-Ebene liegt.

 

 

In Camlibel Tarlasi sind drei Nutzungsphasen mit einer Besiedlungslücke zwischen der ältesten und den beiden jüngeren Schichten festgestellt worden. Die Arbeiten im Jahr 2008 konzentrierten sich vor allem auf die beiden jüngeren von diesen. Es wurde eine Reihe von Kindergräbern aufgedeckt. Diese gehören mehrheitlich in die Zeit der ältesten Siedlung, von den jüngeren durch eine Unterbrechung menschlicher Anwesenheit an diesem Platz getrennt. Es hat nun den Anschein, als seinen die Bestattungssitten zu dieser Zeit nach Altersklassen gestaffelt gewesen. Bei den Bestattungen in großen Keramikkrügen handelt es sich durchgehend um Säuglinge. Es deutet sich an, daß sie zunächst an einem anderen Ort und erst danach unter den Hausfußböden beigesetzt worden sind. Dagegen sind ältere Kinder in Hockerposition direkt und ohne „Sarg“ begraben worden. Von einer dritten Altersklasse, den Erwachsenen, fehlt jede Spur – sie fanden ihre Ruhestätte wohl außerhalb der Siedlung.

Eines der Häuser, die bei der Wiederbesiedlung des Platzes errichtet worden sind, zeigte sehr ungewöhnliche Eigenschaften. Es ist ein Großbau mit über 9 Metern Länge. Als einziges Gebäude in Çamlibel Tarlasi besitzt es eine Serie von Fußböden aus Kalk. Kalk ist ein Material, das mit den damaligen Mitteln nur mit hohem Aufand und mit beträchlichem know-how herzustellen war. Auf dem obersten dieser Böden ruhten Installationen von Rinderknochen. Diese wurden bei der Erneuerung der Fußböden – nun in Stampflehm ausgeführt ­ - in diese integriert. In dem ersten von diesen jüngeren Fußböden fanden sich halbrunde Anordnungen von Linsen verkohlten Materials, die teils die Knochen, teils leere Zentren umgaben. Über mehrere Phasen hinweg läßt sich verfolgen, daß sich solche ungewöhnlichen Befunde auf die Nordhälfte des Baus beschränken – der Süden war immer „sauber“. Offensichtlich sind diese Bereiche unterschiedlich genutzt worden. Dieses Gebäude ist das einzige, das in einem heftigen Brand zugrunde gegangen ist – die Innenaustattung hat man aber zuvor entfernt. Ist dieser Bau am Ende seiner Nutzungszeit intentionell zerstört worden?

 

Im Brandschutt des Gebäudes fand sich ein sehr ungewöhnliches Terrakottaobjekt: eine Gußform, die der Herstellung von sogenannten Ringidolen gedient hat, stark stilisierten Frauenfiguren mit ringförmigem Körper. Dieser Typ ist vor allem in Südosteuropa zuhause und findet sich dort oft in Horten oder Gräbern. Unser Fund zeigt, daß solche Objekte auch ganz am östlichen Rand des Verbreitungsgebietes nicht nur genutzt sondern auch hergestellt worden sind.

Die Keramik der unterschiedlichen Siedlungsphasen ist sich recht ähnlich. Nur in der jüngeren wurden Reste ritzverzierter Gefäße mit komplexen Rauten- und Hakenmotiven gefunden. Unter den Steinwerkzeugen ist eine Serie langer Silexklingen mit Kantenretusche und starkem „Sichelglanz“. Es scheint sich um nicht-lokale Erzeugnisse zu handeln, die Çamlibel Tarlasi durch Handel erreicht haben. Eine geringe Menge von Obsidianwerkzeugen muß ihren Weg aus Kappadokien, die Schale einer cardium Muschel sogar von der Mittelmeerküste in das Landesinnere gefunden haben. Trotz der geringen Ausdehnung der Siedlung scheint Çamlibel Tarlasi recht gute Außenbeziehungen gepflegt zu haben, auch wenn die Objekte durch viele unterschiedliche Hände gegangen sein mögen. Außerdem trat eine Reihe von Objekten aus geschliffenem Stein zutage.

 

 

In Çamlibel Tarlasi sind große Mengen an Kupferschlacken zutage getreten. 2008 wurde in der obersten Siedlungsschicht ein großer offener Hofbereich entdeckt, der von zwei Häusern flankiert ist. In einer Ecke des Hofs stand ein großer rechtwinkliger Ofen mit Seitenlängen von über zwei Metern. Neben zahlreichen zerbrochenen Gefäßen und Resten verschiedener anderer Aktivitäten fanden sich hier auch große Mengen zerschlagener Schlackebrocken. Hinter dem Hof war zumindest eine kleine Schmelzgrube in Betrieb. Große Mengen an Bachkieseln mit Pickspuren haben vermutlich der Zerkleinerung der Schlackebrocken gedient. Wir haben hier offenbar die Reste einer unspezialisierten Metallverarbeitung im dörflichen Rahmen vor uns, die mit einfachen Mitteln, aber in durchaus beträchtlichem Umfang, betrieben worden ist. Tiegel oder große Metallobjekte wurden bisher nicht gefunden. Daher ist noch unklar, ob alle Schritte des Herstellungsprozesses vor Ort ausgeübt worden sind. Diese Situation ist ein Glücksfall, denn üblicherweise verfügt man über weniger Informationen zum spezifischen Kontext, in dem die frühe Metallverarbeitung stattgefunden hat.

In Hinblick auf eine Rekonstruktion der ökonomischen Rahmenbedingungen ist die Gewinnung umfangreicher Tierknochenreste wichtig. Als Glücksfall haben sich auch die günstigen Erhaltungsbedingungen für botanische Reste erwiesen, denn Untersuchungen zur prähistorischen Feldwirtschaft fehlen für dieses Gebiet bisher vollkommen. Die Ergebnisse der ersten Grabungskampagnen in Çamlibel Tarlasi haben das Potential dieses Platzes klar erkennen lassen; er wird uns hoffentlich ein äußerst vielschichtiges Bild zu den ersten Phasen menschlicher Aktivitäten im Norden Anatoliens liefern.

Die Gewinnung von Radiokarbondaten, ein erster Schritt zur Erstellung eines stabilen Chronologiegerüstes für das Gebiet, ist eines der Projektziele. Eine kleine Serie von Daten erlaubt nun Aussagen zur Zeitstellung von Çamlibel Tarlasi. Der Ort datiert demnach in die Mitte des vierten Jahrtausends v. Chr., in das Spätchalkolithikum. Die Siedlungsdauer scheint recht kurz, ca. 120 Jahre, gewesen zu sein. Dieses Ergebnis macht Çamlibel Tarlasi zwar um einiges jünger als ursprünglich erwartet – gleichzeitig ist er aber einer der ersten prähistorischen Fundorte Nordanatoliens, dessen Alter mit modernen Methoden bestimmt worden ist.

Literatur:

Schoop, Ulf-Dietrich 2008
Ausgrabungen in Çamlibel Tarlasi 2007, in: Andreas Schachner, Die Ausgrabungen in Bogazköy-Hattuša 2007, Archäologischer Anzeiger 2008, 148–157.