Die Südteiche

Kurzbericht über die Untersuchungen an fünf künstlichen hethitischen Wasserbecken in der Oberstadt (2000-2001)

 

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Luftbild Oberstadt

 

 

 

Das zentrale Tempelviertel in der Oberstadt von Hattuscha wird auf der Westseite von einem Plateausporn begrenzt, der rund 200 m nach Norden ausgreift (Stadtplanquadrat 29/24-26, bzw. J/6-7 Alt) (Abb.: Luftbild Oberstadt). Auf Luftaufnahmen zeichneten sich auf seinem nördlichen Teil mehrere große Strukturen ab, deren Ausdehnung zunächst durch geophysikalische Prospektion (Geo-Elektrik und Geo-Magnetik) erfaßt wurde.

 

 

Danach konnten dann hier durch Grabungen fünf große künstliche Wasserbecken identifiziert werden (Südteiche genannt). Die Anzahl der in Hattuscha bekannten großen künstlichen Wasserbecken hat sich damit auf zehn verdoppelt. (Abb.: Südteiche, Grabungsplan)

Die Teichbecken - vier lange, schmale und ein kleineres rundes - sind alle mit sehr steilem Böschungswinkel in den anstehenden Mergelboden eingetieft. Dieser Mergel ist sehr stark mit Basaltgeröllen durchsetzt (Abb.: Südende von Teich 3 während der Ausgrabung). Es gibt keine Hinweise auf eine künstliche Erhöhung der Beckenränder, und eine Pflasterung der Böschung, wie sie von anderen hethitischen Teichen bekannt ist, fehlt. Wie der Plan und die Rekonstruktion zeigen, hat man die Teichbecken so angelegt, daß die zur Verfügung stehende Fläche bestens ausgenutzt wurde. Hierbei stellt sich natürlich die Frage, warum man nicht statt der vielen kleinen Becken nur ein oder zwei große Teiche angelegt hat. Die Antwort lautet "Risikobegrenzung": Wie schon bei den beiden Ostteichen in der Oberstadt, hat man auch hier bei den Südteichen die Wassermenge auf mehrere unabhängige Becken verteilt; im Falle eines Dammbruches oder einer Verunreinigung ging so nur ein Teil und nicht gleich der ganze Vorrat verloren. (Abb.: Die Südteiche, Computerrekonstruktion)  

Südteiche, Grabungsplan

Südteiche, Computerrekonstruktion

 

Zwei Becken (Teich 1 und 5) liegen hintereinander parallel zur Ostkante des Plateaus. Teich 1 mißt ca. 38 m x 18 m und Teich 5 ca. 41 m x 16 m. Die Tiefe dieser beiden Becken wurde nicht festgestellt: Bei Teich 1 wurde die Grabung bei 4 m Tiefe eingestellt, und bei Teich 5 wurde nur der Verlauf des Beckenrandes durch Sondagen verfolgt. Der Steg zwischen den beiden Teichen ist im Randbereich 5 m dick. Auf seiner Südseite, d.h. am Nordende von Teich 1, ist er mit einem Steinpflaster befestigt worden. Später hat man hier zusätzlich noch Erde angeschüttet, wohl um ein Abrutschen zu vermeiden.


Südende von Teich 3 und 4

 

 

Zwei weitere Becken (Teich 3 und 4) liegen parallel zur NW-Kante des Plateaus und direkt nebeneinander; sie sind jeweils gut 70 m lang. (Abb. links) Im Randbereich sind sie 14-15 m und in Bodennähe rund 10 m breit. Der Erdsteg, der sie trennt, ist im Randbereich 7-8 m und an der Basis ca. 12 m breit. Ungewöhnlich ist die Tiefe: Bei Teich 3 beträgt sie mindestens 6,3 m und bei Teich 4 mindestens 7,3 m, an dessen SW-Ende sogar 8,1 m. Teich 2 schließlich liegt in dem Zwickel zwischen Teich 3 und Teich 5. Es handelt sich um ein annähernd rundes Becken mit einem Durchmesser von max. 16 m und einer erhaltenen Tiefe von 5,6 m. (Abb.: Mitteldamm zwischen Teich 3 und 4,Tiefgrabung)  

Südende von Teich 3
Mitteldamm zwischen Teich 3 und 4

 

Die Form dieses Beckens bzw. des Zwickels, in dem es liegt, hat einen besonderen Grund: Hier lag ursprünglich ein großer Erdsilo, der aber vermutlich nicht gleichzeitig mit den Teichen existierte. Spätestens vor der Ausschachtung von Teichbecken 2 ist er aufgegeben und mit Erde und Steinen verfüllt worden, denn dieses Becken schneidet in die Verfüllung ein. Es handelt sich bei dem Silo um eine etwa 8 m breite und sicher über 13 m lange rechteckige Grube mit über 3 m hoch erhaltenen senkrechten Erdwänden. Genau wie bei den großen Silogruben von Büyükkaya war auch hier der Boden mit einem Steinpflaster versehen, und auch hier konnten wieder die teilweise mehrere Zentimeter dicken organischen Schichten auf dem Pflaster beobachtet werden. Gespeist wurden die Teiche vermutlich nicht nur von einem Quellhorizont, der in unmittelbarer Nähe am Südrand der Stadt liegt, sondern auch über Leitungen aus dem weiteren südlich anschließenden Hanggelände. Da sie praktisch am höchsten Punkt der Stadt liegen - nur 20 m unterhalb der Basis des Walls von Yerkapi - konnte von hier aus jeder Bereich der Stadt versorgt werden. Diese Becken dürften vorrangig als Wasserspeicher für die Stadt gedient haben, was auch die große Tiefe erklärt: Hierdurch versuchte man, den Wasserverlust durch Verdunstung so weit wie möglich zu reduzieren.  

Fragmente von Libationsarmen

 

 

Von besonderer Bedeutung für die Datierung der Teiche ist eine große Deponie von Kultgefäßscherben in Teich 1. Hier lagen in einem 7 x 4 m großen Bereich nahe der Ostkante große Mengen von Keramikscherben, teilweise in einer bis zu 50 cm mächtigen Schicht. Dutzende von Spindelflaschen und Libationsarmen, aber auch zahlreiche große qualitätvolle Krüge und Töpfe sowie andere Gefäßformen sind hier vertreten. (Abb.: Fragmente von Libationsarmen) Allerdings sind von keinem Gefäß die Scherben vollständig vorhanden, und zudem sind 15-20% verbrannt. Der Schluß liegt nahe, daß hier die Überreste von zerbrochenen Kultgefäßen, vielleicht sogar Inventar eines der zahlreichen abgebrannten Tempel, bestattet worden ist. Diese Deponie hat jedoch nichts mit der ursprünglichen Funktion der Teiche zu tun, denn sie liegt in späten Verfüllschichten weit oberhalb des ursprünglichen Teichbodens. Für die Keramikformen finden sich Parallelen in den älteren Schichten der Oberstadt sowie auch in älter-hethitischen Zusammenhängen in Hattuscha.

Die Untersuchung der Teiche bildet einen weiteren Schritt in der Erforschung der wirtschaftlichen Grundlagen der Stadt. Offensichtlich reichten die im Stadtgebiet sprudelnden Quellen für die Versorgung nicht aus, denn sonst hätte man sich kaum die Mühe gemacht, in dem extrem harten Mergelboden fünf derart tiefe Becken auszuschachten. Diese Tiefe ist neben der Anzahl und Anordnung der Becken auch ein sicherer Hinweis darauf, daß es sich hierbei nicht etwa von vornherein um "Kultteiche" gehandelt hat. Die relativ frühe Datierung der Scherbendeponie in Teich 1 ist ein terminus ante quem für die Anlage dieser Wasserdepots in der Oberstadt von Hattuscha. Dies zeigt ebenso wie der Silo, der ja noch älter ist, daß die traditionelle Sichtweise der Besiedlungsgeschichte von Hattuscha einer Korrektur bedarf. Die "Landnahme" in der Oberstadt kann nicht erst im 13. Jahrhundert v. Chr. vonstatten gegangen sein - die Nutzung dieses Gebiets begann offensichtlich deutlich früher. 

Grabungsberichte

J. Seeher, Die Ausgrabungen in Bogazköy-Hattusa 2000. Archäologischer Anzeiger 2001,341-362
J. Seeher, Die Ausgrabungen in Bogazköy-Hattusa 2001. Archäologischer Anzeiger 2002,59-70