Forschungsbericht Grabungsprojekt Westliche Oberstadt

Ergebnisse der Grabungskampagnen 2001-2005

 

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Spätestens in der hethitischen Großreichszeit im 14. Jahrhundert v. Chr., vermutlich aber deutlich früher, ist das mit einer Befestigungsmauer versehene Gebiet der Stadt Hattusa von 76 Hektar auf rund 180 Hektar vergrößert worden. Zu diesem Zweck umgab man den südlich der Altstadt gelegenen Bereich mit einer neuen, ca. 3,3 km langen Stadtmauer. Dies ist die Oberstadt von Hattusa. Zwischen 1977 und 1993 sind in ihrem zentralen und östlichen Bereich umfangreiche Grabungen durchgeführt worden. Sie führten zur Freilegung von zahlreichen Tempeln und anderen offiziellen Bauwerken. Siedlungsarchitektur fand sich dagegen kaum - erst gegen Ende der Großreichszeit waren hier kleinere Wohnhäuser mit Werkstätten eingerichtet worden. Daraus leitete man die Vermutung ab, daß die Erweiterung der Stadt in erster Linie der "optischen" Vergrößerung der politischen Metropole und ihrem Ausbau als Kulthauptstadt galt. Diese Aussage stand jedoch auf schwachen Füßen, da der westliche Teil der Oberstadt bis dahin weitestgehend unerforscht war - immerhin ein Drittel des in Frage kommenden Geländes. War auch dieser Teil der Oberstadt tatsächlich nur für die Anlage von offiziellen und sakralen Bauten reserviert, und wenn ja, welche Funktionen erfüllten sie? Oder gab es hier doch Wohn- und Werkstattviertel? Zur Klärung dieser Frage wurde 2001 das Grabungsprojekt "Westliche Oberstadt" begonnen (Abb. Plan der westlichen Oberstadt).

 

Westliche Oberstadt

 

Speziell die Suche nach Wohnvierteln hat nach dem 1998 abgeschlossenen Survey-Projekt im unmittelbaren Umkreis der Hauptstadt eine neue Bedeutung gewonnen, denn die vermuteten größeren Außensiedlungen vor den Toren der Stadt hat es anscheinend nicht gegeben - die heute dort erhaltenen hethitischen Spuren deuten eher auf einzelne Weiler und kleinere Siedlungszonen. Es muß also neben der teilweise ausgegrabenen Wohnsiedlung in der Unterstadt weitere große Wohnbereiche innerhalb der Stadtmauern gegeben haben.  

 

Geo-Prospektion



Als Vorbereitung für das neue Grabungsprojekt sind bereits 1996 von H.G. Jansen und 1998 von H. Stümpel großflächige geo-elektrische und geo-magnetische Messungen in der westlichen Oberstadt durchgeführt worden (Die Abbildung zeigt einen Teil des von H.G. Jansen per Geo-Elektrik prospektierten Bereichs im Tal westlich des Felskegels von Sarıkale).
Basierend auf der Auswertung dieser Messungen wurden 2001 die ersten Grabungsschnitte im Tal westlich des Felskegels von Sarıkale angelegt. Dabei wurde im Bereich der Planquadrate 292-294/309-310 der sog. Zingelbaukomplex (s.u.) freigelegt, auf dem Geo-Elektrikplan ganz gut zu erkennen. Die anderen sehr dunklen, teilweise stark gebogenen Linien auf dem Plan zeigen den Verlauf von mehreren Terrassenmauern, mit denen das Gelände in byzantinischer/osmanischer Zeit gegliedert worden ist. 

Geo-Elektrikplan (Jansen)

 

Tal vor Sarıkale in der westlichen Oberstadt

Mit den Ergebnissen der Sondagen der ersten beiden Grabungskampagnen und der Erdwiderstandsmessungen zeigte sich, daß eine Fortsetzung der Grabungen vor allem im Bereich südlich des Zingelbaukomplexes vielversprechend sein würde. Die heute oberflächlich sichtbare Gestalt des Geländes - ein breiter, mäßig nach Süden hin ansteigender Talboden - entspricht nicht den Gegebenheiten in hethitischer Zeit: Der Zingelbaukomplex lag auf einer flachen natürlichen Kuppe, die heute unter 0,5-0,8 m Sediment begraben liegt. Südlich davon verlief das Gelände damals jedoch über 40-50 m mehr oder weniger horizontal. Im Lauf der Zeit hat sich hier über den hethitischen Schichten eine drei bis vier Meter mächtige Schicht aus Schwemmsedimenten von den südlich anschließenden Hängen abgelagert. Dadurch wurden diese Siedlungsschichten vor einer flächenabtragenden Erosion geschützt - nur hier und da gibt es Rinnen, die sich tief in die Schichten eingefressen haben. Vermutlich sind sie zum Teil sogar auf menschliche Einwirkung zurückzuführen, denn die Wasserführung war hier, am Boden eines von steilen Hängen umgebenen Tales, zur Zeit der Besiedlung sicher ein Problem.
Die Grabungen konzentrierten sich daher in den folgenden Jahren auf den Bereich der Planquadrate 291-294/305-307. Der Bereich weiter südlich wurde vorerst ausgespart, da die Sondagen von 2002 darauf hindeuten, daß der gewachsene Boden hier wieder deutlich ansteigt und weniger Siedlungsschichten erhalten sind.  

 

Vorläufige Siedlungsabfolge

 

Quadratgebäude-Horizont


Die bislang älteste Phase gehört in die Zeit um 1500 v. Chr. Sie ist repräsentiert durch zwei Bauwerke mit mehr oder weniger quadratischem Grundriss. Das nördliche von beiden (Quadratgebäude 1) liegt auf dem gewachsenen Boden, während das südliche anscheinend auf noch älteren Siedlungsschichten liegt. Hier ist die Grabung noch nicht abgeschlossen.
Quadratgebäude 1 mißt 19 x 19 m, Quadratgebäude 2 17,8 x 16,2 m. Bei ersterem waren nur in Teilbereichen die Reste von Lehmziegelmauern auf den Steinfundamenten erhalten geblieben. Dagegen konnten in Quadratgebäude 2 diejenigen Lehmziegelmauern, die die Innenräume unterteilten, als bis zu 80 cm hohe Stümpfe freigelegt werden. Es hat den Anschein, daß sie vielfach direkt und ohne Steinfundament auf den Erdboden gesetzt worden sind. Das spricht nicht unbedingt für einen auf Dauer geplanten Bau. Beide Gebäude haben nicht nur etwa die gleiche Größe und Umrißgestalt, sie haben auch eine fast identische systematische Innenaufteilung mit zahlreichen gleichartigen kleinen Räumen. Für diese nach einem vorgegebenen Planschema errichteten Bauten kommt eine Funktion als Soldatenunterkünfte in Betracht, denn sie sind nach Aussage von systematisch verteilten Feuerstellen als Wohngebäude benutzt worden. Unter den Funden kommen Messer, ein Dolch, Speerspitzen und ein Beil aus Bronze als Teile militärischer Ausrüstung in Frage. Erwähnenswert sind auch Funde von handgemachter unhethitisch aussehender Keramik, die an Söldner denken läßt. Teilweise noch geschlossene Schalen von Austern und Gehäuse von großen Nadelschnecken belegen schnelle Transportverbindungen zum Meer.
An zwei Stellen außerhalb des zweiten Quadratgebäudes wurden 2005 neue Lehmziegelmauern entdeckt, die zu Bauten gehören, die jenseits der Profilwände liegen - offensichtlich gibt es weitere Bauten dieses Horizonts, die in einer Erweiterung des Grabungsgebiets erfaßt werden können.


Quadratgebäude 1 und 2 im Tal westlich von Sarıkale
Quadratgebäude 2

 

Erneuerungsbau-Horizont

Der nächst-jüngere Horizont wurde bislang nur über dem Quadratgebäude 2 festgestellt. Hier wurde über den einplanierten Ruinen ein neues Bauwerk errichtet, dessen Steinfundamente teilweise genau auf den Lehmmauerstümpfen des Vorgängerbaus liegen. Offensichtlich hat man sich deren Stabilität zunutze gemacht. In anderen Bereichen hat man dagegen die neuen Fundamente mitten in den alten Räumen aufgemauert. Leider ist die Zerstörung durch Erosionsrinnen und spätere Siedlungsaktivitäten so groß, daß eine Aussage über das Aussehen dieses Bauwerks kaum möglich ist. Es ist angesichts des Verlaufs der erhaltenen Mauerfundamente nicht auszuschließen, daß hier erneut ein größeres Gebäude mit gleicher Zweckbestimmung wie das Quadratgebäude errichtet wurde. 

 

Werkstatt-Horizont

Durch Erosionsrinnen teilweise stark gestörte Baureste, die erstmals im Jahr 2004 im Bereich von Planquadrat 293/306 identifiziert worden sind, gehören zum nächst-jüngeren Besiedlungshorizont. An verschiedenen Stellen wurden auf den Fußböden Keramikfragmente und ganze Gefäßen angetroffen. Besonders interessant sind mehrere becherartige Gefäße mit Standring und Ösen (s. Abb.) Solche Gefäße sind aus dem großen Keramikfund in Südteich 1 bekannt, und zahlreich wurden sie auch in den Gräbern bei Osmankayasi gefunden. Hier im Tal vor Sarıkale sind Scherben derartiger Gefäße nicht selten. Diese eigenwillige Gefäßform könnte sich als eine Leitform für die Zeit des späten 15. und 14. Jh. v. Chr. herausstellen.
Im Jahr 2005 konnten weitere Siedlungsreste in Planquadrat 294/305 dieser Schicht zugeordnet werden und die Annahme, dass besonders in diesem Horizont Spuren von handwerklichen Aktivitäten zahlreich sind, bestätigt werden. Teile von Schmelztiegeln (s. Abb.) und ein kleiner Schmelzofen mit Aschegruben, eine Barrengußform sowie Bronzegußabfälle belegen Schmiedehandwerk. Aber es gab auch andere Werkstätten, wie die Funde von Siegelrohlingen, Bimssteinen und Bohrkernen belegen. Leider stammen viele der Werkzeug- und Abfallfunde aus Schuttschichten, so daß eine eindeutige Zuordnung zu einer Siedlungsschicht nicht möglich ist. Aus dieser sowie aus darüberliegenden Schichten stammen einige schöne Siegelfunde, darunter ein vierseitiges Steinsiegel, zwei scheibenförmige aus Stein und Elfenbein sowie ein plano-konvexes Bronzesiegel, ein äußerst seltener Fund.

 

Ösenvasen

 

Ein annähernd vollständiger großer Schmelztiegel für den Bronzeguß

 

 

 

Badezimmer-Horizont


Die Zerstörungen durch Erosionsrinnen sowie der Abriß von älteren Häusern mit teilweiser Wiederverwertung der Steine aus den Fundamenten hat in diesem Siedlungsbereich ein sehr uneinheitliches Bild hinterlassen - naturgemäß in den jüngeren Schichten mehr als in den älteren. So ist bei einigen Mauerresten beim gegenwärtigen Grabungsstand eine genaue Zuordnung noch fraglich und daher auch noch nicht sicher, ob der nun folgende Horizont direkt auf den Werkstatthorizont folgt. Er ist durch eine andersartige Architektur charakterisiert, in der massive Fundamente und teilweise meterhoch errichtete Sockelmauern Verwendung fanden. Hierbei handelt es sich um Wohnarchitektur mit unregelmäßigen Gebäudeumrissen und -innenaufteilung. In einem Bauwerk wurde ein großzügiges Badezimmer mit offenem Kamin und einer Tonrohrleitung für die Ableitung des verbrauchten Wassers freigelegt (Abb. Badezimmer). Eine Badewanne mit Sitzbänkchen war in den mit einem Kalkestrich versehenen Boden eingelassen (Abb. Badewanne). Von dieser Sitzbadewanne ist nur der untere Teil erhalten, die senkrechten Wandungen sind später gekappt worden. Es erscheint möglich bis wahrscheinlich, dass dieses Gebäude zu einem ganzen Horizont gehört, der sich allgemein durch bessere, 'städtisch' anmutende Architektur auszeichnet - entsprechende Reste wurden auch weiter östlich in Planquadrat 394/305, leider bislang ohne eindeutige stratigraphische Anbindung, freigelegt.
Anscheinend auch noch aus diesem Siedlungsabschnitt stammen Teile von Gußtiegeln und Funde von anderen Werkzeugen, Rohmaterialien und Farbstoffen - unter anderem Scherben von dunkelblauem Rohglas.

Badezimmer mit Kalkestrichboden und teilweiser Ziegelplattenpflasterung. Unterteil der Tonbadewanne mit Sitzbänkchen.

Hanggebäude-Horizont


Stratigraphisch jünger sind Gebäudereste im Bereich von Planquadrat 292-293/304-305, die zum Teil schon 2002 freigelegt worden sind. Die erhaltenen Bauteile stammen von Kellerräumen, die in den nach Süden ansteigenden Hang gesetzt sind, daher die vorläufige Benennung dieses Horizonts. Reichhaltige Keramikfunde lassen erkennen, daß auch diese Besiedlung noch ins 14. Jh. v. Chr. bzw. ganz an den Anfang des 13. Jh. v. Chr. gehört.


Kellerräume des Hanggebäude-Horizonts

 

Zingelbaukomplex-Horizont


Evtl. zeitgleich mit dieser Besiedlung, vielleicht aber noch etwas jünger ist der bereits 2001-2002 freigelegte "Zingelbaukomplex", eine mehrräumige bzw. sogar mehrgebäudige, vermutlich etwa 31,5 x 25 m messende Anlage, die mit einer massiven Mauer umgeben war. Fußböden und zugehöriges Fundgut in diesen auf einer Kuppe nahe unter der Oberfläche gelegenen Räumen sind zum großen Teil späteren Störungen zum Opfer gefallen, so daß Aussagen zur Funktion hier schwierig sind.  

Blick auf den nördlichen Teil des Grabungsgeländes

Mit dieser Schichtabfolge, die bei Fortsetzung der Grabungen sicher noch weiter zu differenzieren und vielleicht auch nach unten und nach oben zu verlängern sein wird, ist der Nachweis gelungen, daß die Oberstadt von Hattusa mindestens seit dem Ende des 16./Anfang des 15. Jh. v. Chr. besiedelt war. Im Lauf der folgenden zwei Jahrhunderte entwickelte sich hier eine dichte Abfolge von Siedlungsschichten, in denen zunächst Handwerk eine bedeutende Rolle spielte. Damit bietet sich in diesem Teil der Stadt die Chance, für die vornehmlich philologisch bestimmte "mittelhethitische Zeit" nun auch das Spektrum des archäologischen Fundguts zu definieren. Gleichzeitig läßt sich vielleicht die Frage beantworten, ob sich im Fundgut überhaupt "mittelhethitische Formen" finden lassen, oder ob die Entwicklung der materiellen Kultur in anderen Schritten vonstatten gegangen ist.
Im 14. Jh. v. Chr. entstanden im Tal vor Sarikale in der westlichen Oberstadt dann stattlichere Wohngebäude mit eher städtischem Charakter. Daß zu dieser Zeit schon eine Befestigungsmauer zum Schutz der Oberstadt existiert hat, scheint außer Frage, aber eine erste Befestigung - in welcher Form auch immer - dürfte schon deutlich früher errichtet worden sein. Nicht nur die Siedlung im Tal vor Sarıkale, sondern auch die ins 15. Jh. datierenden Südteiche und der dort gelegene noch ältere Getreidesilo waren schützenswerte Objekte in diesem Bereich der Stadt.



Grabungsberichte

J. Seeher, Die Ausgrabungen in Bogazköy/Hattusa 2001. Archäologischer Anzeiger 2002/1, 70-77
J. Seeher, Die Ausgrabungen in Bogazköy/Hattusa 2002.Archäologischer Anzeiger 2003/1, 1-24
J. Seeher, Die Ausgrabungen in Bogazköy/Hattusa 2003.Archäologischer Anzeiger 2004/1, 59-73
J. Seeher, Die Ausgrabungen in Bogazköy/Hattusa 2004.Archäologischer Anzeiger 2005/1, 63-72
J. Seeher, Die Ausgrabungen in Bogazköy/Hattusa 2005.Archäologischer Anzeiger 2006/1, 171-178